„Polly“ oder die „Zone des Nicht-Tuns“

Vielleicht hast Du einen Schrank gefüllt mit exzellenten Büchern zur richtigen Sitzposition, Fitness-Übungen oder wie Du Dich mental am besten vorbereitest. Doch hast Du auch die Fähigkeit, von all diesen Tipps und Übungen in vollem Umfang zu profitieren? Ich meine, kannst Du all das wirklich in die Tat umsetzen?

Die Technik, die ich jederzeit und überall benutze und unterrichte, ist simpel und leicht anwendbar, egal ob Du gerade erst Deine Liebe zum Pferd entdeckst oder ein „alter Hase“  bist. Sie hilft Dir beim Sprung in die „Zone des Nicht-Tuns“, ein unterbewusster Zustand, in dem Du das Reiten, das Sitzen, das Leben  plötzlich nicht mehr so kompliziert erlebst.

Du hast das vielleicht sogar schon erlebt, wahrscheinlich sehr selten und nur für einen sehr kleinen, aber unvergesslichen Zeitraum. Die meisten von uns trifft es unerwartet und wir wissen dann auch nicht, wie wir das wieder erreichen können.

Ich erinnere einen solchen Glücksfall, als ich vierzehn Jahre alt war: mein Pony „Polly“ und ich absolvierten eine Reiterprüfung. Das Viereck war auf Gras aufgebaut und zählte absolut nicht zu unseren bevorzugten Reitböden. Wir ritten an der Tété und mein Schimmelwallach absolvierte brav seine Runden bis das Kommando zum Abteilungsgalopp kam: vom ersten Galoppsprung an berührten wir den Boden nicht mehr –wir schwebten dahin. Ich erlebte uns und alles um uns herum wie in Zeitlupe. Wir waren in der „Zone des Nicht-Tuns“.  Wir gewannen die Prüfung und bekamen bald darauf einen Anruf vom damaligen Leiter des Bundesleistungszentrums in Warendorf. Aber das ist eine andere Geschichte.

Wann warst Du in dieser „Zone“? Es könnte beim reiten, tanzen, lesen oder in einem Gespräch gewesen sein, als alles scheinbar wie von selbst und leicht verlief.

Auch wenn Du ganz aufmerksam und bei der Sache bist, ist es sehr wahrscheinlich, dass Du manches automatisch tust, und zwar, weil, paradoxerweise, Dein Körper und Verstand auf bereits Gewohntes zurückgreifen, um etwas zu erreichen. Du versuchst, das Richtige zu tun, doch was sich richtig anfühlt, ist meist nur „gewohnt“, doch deshalb noch lange nicht „richtig“. Es fühlt sich nur „richtig“ an.

Das klingt sehr theoretisch, oder?  Warte – ein einfaches Experiment:

  1. Verschränke die Arme vor der Brust.
  2. Schau, welcher Arm über den anderen kreuzt.
  3. Nun verschränke sie anders herum.
  4. Wie fühlt es sich an? Hat es länger gedauert?

Du fragst: „Was bedeutet das?“

Nun, in diesen „unbekannten Bewegungs- und Verhaltensmustern“ liegt das Geheimnis für Deine fruchtlosen Bemühungen, Deine Ziele  zu erreichen: den korrekten geschmeidigen Sitz, weg mit dem Hüftknick, eine feine Hilfengebung etc. Diese „Unbekannten“ unterwandern gutes Vorhaben und führen zu Frustration und Zweifel an Dir, Deinem Pferd, Deinen Lehrern.

Die „Zone des Nicht-Tuns“ ist nichts Neues oder etwas, dass Du lernen musst. Du bist damit geboren, doch falsche Vorbilder und äußere Anforderungen –  bis zu 18.000!! Stunden Sitzen allein in der Schule –  machten aus Dir einen „Gewohnheits-Täter“.  Du wirst Dich bald effizienter und gelassener  im Alltag bewegen und geschmeidig reiten,  da Du die kleinen „Unbekannten“ rascher bemerkst und sie sozusagen stoppen kannst. Probier es aus – beobachte Dich selbst!